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Volker Blumenthaler

Publikationen / publications


Vorwort / preface
zu

Volker Blumenthaler

»Streifzüge«

Werkkommentare zur Neuen Musik

»excursions«

Comments on Works of Contemporary Music

ISBN 3-89727-078-1


Die vorliegenden Werkkommentare sind entstanden in der Zeit von 1993-1999 und wurden für die Sendung Neue Musik kommentiert des SWF Baden-Baden (heute SWR) verfaßt. Die Auswahl der Stücke ist nicht zufällig, wurde aber teilweise durch den Umstand diktiert, daß die Sendedauer von ca. 30 min. die Sprechzeit und damit auch die Dauer des besprochenen Stücks beschränken.

Die Texte sind nicht als reine Lesetexte konzipiert. In Vordergrund stand immer das gesprochene Wort. Auf "trockene", allzu akribisch theoretisierende analytische Ausführungen wurde zugunsten der "Hörbarkeit" der Texte verzichtet. Das Medium der Sprache muß, um gegenüber dem Thema der Musik spannend zu bleiben, eine eigene Ebene der Verdeutlichung finden. Durch die zeitliche Beschränkung ergab sich der Zwang zur Faßlichkeit und zur Konzentration. Die Kommentare sind keine strengen wissenschaftlichen Exegesen, obwohl genaue Analysen natürlich Teil der notwendigen Vorarbeiten waren. Es sind stellenweise schweifende Assoziationen zu einem anregenden Thema. Musik ist ein Spiel mit Bedeutungszusammenhängen. Analyse, also das Nachdenken über Musik, sollte meiner Meinung nach den vielschichtigen Grund dieses Spiels aufhellen. Wenn Komposition Arbeit mit geistfähigem Material ist, wie Th.W. Adorno es einmal formulierte, sind Streifzüge auf andere Terrains der Ästhetik kaum vermeidbar. Entdeckungsreisen mit manchmal überraschendem Ausgang sind sie allemal.

Auf diesen geistigen Streifzügen traten überraschend Ebenen zutage, die diese Musiken bei aller Abstraktion in bestimmten europäischen Traditionslinien verwurzelt erscheinen lassen. Es finden sich, wenn auch verwandelt, Figuren und Metaphern von archaischer Wucht: zum Bild des Aufbruchs und der Reise gehört das sich Verlieren, das Verlorengehen im Labyrinth; zum Spiel mit dem Vagen und der Andeutung gesellt sich auch das Gefühl des Schwebens über dem Abgrund; das Fragment stilisiert sich als moderne Welterfahrung einer zerbrechenden Welt und dem damit verbundenen Verlust einer Mitte, zur manieristischen Vorstellung der Einheit im Vielen; Landschaft und Traum werden zu schattenhaften Schauplätzen eines schon verlorenen Kampfes um das Goldene Vlies, sind Teil eines in sich gebrochenen, fast zwanghaften Ringens um Ordnungsutopien. Das reicht zurück bis in die Antike, greift Haltungen der Spätrenaissance und des Frühbarocks auf, bindet zitathaft den historischen Raum kritisch reflektierend mit ein. Die Moderne bewegt sich inhaltlich auf den Feldern ihres angestammten Kulturraums, sie entkommt ihm bei aller technizistischer Anstrengung nicht. (Die Vermutung liegt nahe, daß die Idee der Avantgarde, wie sie in der Zeit nach 1950 proklamiert wurde, mit ihren ständig eingeforderten Materialrevolutionen und Konzeptkreationen eher ein rein technisches Konstrukt darstellt als tatsächliche inhaltliche Neulandgewinnung.) Die besprochenen Kompositionen - die meisten sind nach 1970 entstanden - erzählen trotz hochkomplexer Textur von alten, immer noch aktuellen Geschichten.

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