Volker Blumenthaler

omoitsutsu ... in Gedanken an...
Gespräche aus der Ferne

für Klarinette, Violoncello und Klavier 1994

Drei tankas", verfaßt von drei adligen Dichterinnen des japanischen Mittelalters ( Ono no komachi, Shunzei no musume und Uma no naishi ), dienten als Anregung und Ausgangspunkt. Eine spezielle Form des "tanka" ist der "waka", ein fünfzeiliges Kurzgedicht, dessen Blüte vor allem in der Heian-Zeit (798-1192) lag. Ein "waka" folgt einer strengen, unumstößlichen Form. Die Oberstrophe umfaßt 5+7+5 Silben, die Unterstrophe 7+7 Silben. Beide Abschnitte enthalten also 31 Silben. In diese Hülle von herber Klarheit wird eine Fülle von Andeutungen und flüchtigen Hinweisen verpackt, deren einziger Sinn eine Art Liebesbotschaft zwischen Mann und Frau, Liebhaber oder Liebhaberin ist. Dazu muß man wissen, daß während der der Heian-Zeit in Adelskreisen Mann und Frau auch während einer Ehe getrennt lebten.

Die ausgewählten Gedichte handeln von Sehnsucht und Trennung, von der Erinnerung an vergangene Lieben und auch vom Tod. Die starke Stilisierung des Moments der Trennung überhöht den privaten, intimen Charakter der Gedichte und hebt sie in den Raum des Ästhetischen.

Das Trio ist zu verstehen als ein "Lied ohne Worte". Der Text lieferte das Kontinuum, in das hinein die Töne tastend ihre Beziehungen entwickeln. Mit dem Sicheinlassen auf die drei japanischen Texte ging auch ein Prozeß der Anverwandlung einiger asiatischer Positionen der Gestaltung einher. Der Japaner, aber auch der Chinese, sieht im Abstrakten die Andeutung des Gegenständlichen. Der Vorgang der Abstrahierung gerät nie in den Strudel der Verselbständigung des Formalen. Das ist der gravierende Unterschied zum westlichen Verständnis von Abstraktion, die letzlich die Loslösung vom Gegenständlichen oder Figürlichen meint. Bei aller Reduktion ist in der Anschauung des Asiaten das Konkrete immer anwesend, als kaum faßbare, aber spürbare Erfahrung.

Das Spiel mit der strengen Form und der subtilen Andeutung, die das Ordnungsmoment scheinbar improvisativ wieder aufhebt, ist wesentlicher Bestandteil der Komposition. Im einzelnen sind die klanglichen Ereignisse, Häufigkeit von Tönen, Tonfolgen, kleine Phrasen und Gesten, streng nach der Silbenstruktur der lyrischen Botschaften ausgerichtet. Die Gestalten schweben dennoch im unfesten Aggregatzustand des Dazwischenseins. Der Zentralklang der großen Terz des-f durchpulst, durchweht die drei "Gespräche". Er ist ins gesamte Klangeschehen eingewoben. Die "Gespräche" werden gegliedert durch Zwischenspiele, die mit "Atmung" bezeichnet sind, in Anlehnung an die Vortragsweise eines "waka"-Gedichts, bei der das Aus- und Einatmen ein essentielles Gestaltungsmittel darstellt. Diese Intermezzi heben sich von den "Gesprächen" durch größere Dichte im Gestischen und Rhythmischen ab. Die erste "Atmung" ist ein kurzes und heftiges Aufleuchten, in der zweiten schwingt eine Art Mobile aus Klängen um einen Zentralton.

G e s p r ä c h I

Ono no komachi ( 9. Jhd. )

omoitsutsu - In Gedanken an
nureba ya hito no - meinen Geliebten fiel ich
mietsuramu - in Schlaf und träumte ihn
yume to shiriseba - und wußte nichts vom Traum
samezaramashi o - sonst hätt ich ewig geträumt.

A t m u n g I

G e s p r ä c h II

Shunzei no musume ( 1171 - 1254 )

omokage no - Der Mond, der mir einst
kasumeru tsuki zo - leis dein Gesicht gezeigt, ruht
yadorikeru - nun in den Tränen
haru ya mukashi no - auf meinem Ärmel, Tränen
sode no namida ni - eines vergangnen Frühlings.

A t m u n g II

G e s p r ä c h III

Uma no naishi ( 10. Jhd. )

au koto wa - Ist dies das letzte
kore ya kagiri no - Mal, daß wir uns begegnen
tabi naramu - auf unserem Weg ?
kusa no makura mo - Auch unser Kissen aus Gras
shimogarenikeri - welkte und starb schon im Frost.

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