Volker Blumenthaler

Las raíces

Fragmente aus dem "Canto general" von Pablo Neruda
für Mezzosopran, Flöte und Gitarre ( 1992 )

Die Gedichte Pablo Nerudas haben für mich intensiv mit den siebziger Jahren zu tun. Irgendwie sind Affinitäten zu bestimmten Texten auch etwas temporäres, gebunden an Lebensumstände. Hinzu kommt natürlich der konkrete Zusammenhang mit Chile vor und nach dem Putsch von 1973. Mitte der siebziger Jahre entstand eine ganze Reihe von Kompositionen, die sich mit der Lyrik Nerudas und den politischen Verhältnissen im damaligen Chile beschäftigen. Darunter das Poem oder "11.September 1973” für Sopran und Horn. Nerudas Lyrik wuchert wie ein tropischer Regenwald. Manche seiner Sprachschöpfungen verliert sich darin, verschwindet hinter Kasskaden von Metaphern. Für die Komposition Las raíces habe ich darum einzelne Fragmente aus dem Canto general ausgewählt, um so eine textliche Konzentration zu erreichen, die mir zum Komponieren geeignet schien. Die Auswahl ist natürlich subjektiv, beleuchtet aber durchaus die Aspekte des ganzen Canto wie ein Schlaglicht. Las raíces, zu deutsch "die Wurzeln”, dieser Begriff ist für Neruda der zentrale Nenner seiner Lyrik, seines dichterischen Selbstverständnisses. Dieser Begriff drängte sich förmlich als Titel des Stückes auf. Neruda war ein Verfechter der "arte impura” und der arte povera”, darum auch ein bescheidenes Instrumentarium. Zum Gesang gesellen sich als Gefährten die Flöte und die Gitarre, beide als Synonyme für "raíces”.

Die Überschriften der vier Lieder lauten:
del aire al aire ( Von Himmelsstrich zu Himmelsstrich )[ Ges., Fl.,Git.],
la línea roja ( Die blutrote Linie )[ Ges., Git.],
ceniza, ramo negro ( Asche, schwarzer Zweig )[ Ges., Fl.],
la lluvia ( Der Regen )[ Ges., Fl., Git.]

Die Komposition enstand 1992 in Taipeh.

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