Volker Blumenthaler

Bemerkungen zu hoti chronos

Das Stück hoti chronos (nach dem Textanfang des Kapitel 10 der Offenbarung des St.Johannis) ist ein musikalischer Kommentar zu dem Apokalypse-Zyklus von Max Beckmann. Mit der Einbeziehung von bestimmten Texten erschließt sich neben der klanglichen Ebene auch eine textliche. Durch die spezifische Auswahl differenziert sich der Kommentar und berührt verschiedene Facetten des Themas und der Ästhetik Beckmanns.

Ich habe das Bild Nr.13 als point of view ausgewählt, weil hier bei Beckmann ein produktiver Konflikt zwischen dem Thema und seiner ästhetischen Position zu erspüren ist. Die Apokalypse und besonders dieses Bild thematisiert Zeit in ihrem Dualismus von Ewigkeit des Göttlichen und der Begrenztheit des irdischen Lebens. Beckmann postuliert in seinen Äußerungen (Londoner Rede von 1938) auf verschiedene Weise das Primat des Raums ("Raum - - - - Raum - - und nochmals Raum - - die unendliche Gottheit, die uns umgibt und in der wir selber sind"). Mit dieser Äußerung deutet Beckmann auch das Thema Wiedergeburt, also Kreisform der Zeit an. Bild Nr.13 betont mit seinem Untertitel das Ende aller Zeiten. Ohne allzu sehr ins Exegetische zu gehen, ist damit das Ende der irdischen Zeiten gemeint. Auf dem Bild sieht man zwei Engel, die den Zeiger der Uhr des "Welttheaters" festhalten. Darunter liegt ein Mann, der die Augen mit der Hand bedeckt. Er will nicht mehr sehen oder er schaut in sein Inneres.

Mit seinem letzten Bild "Hinter der Bühne" (1950) setzt Beckmann eine andere Interpretation eines Endes. Mit dem "Abstürzenden", ebenfalls von 1950, meint der Künstler nicht einen Sturz in den Tod, sondern laut seiner Frau Quappi das Thema der Reinkarnation.

Ich interpretiere das dreizehnte Bild der Apokalypse in dieser Weise: Innenschau ("Suche nach einer höheren Welt") und Ende unserer Zeit. Die ausgewählten Texte bringen aber noch eine andere, eine ironische, fast parodistische und kritische Note ins Spiel. Nietzsche, dessen Zarathustra Beckmann schätzte, übersteigert narzisstisch die Ewigkeitstrunkenheit, Poe demaskiert das Welttheater - von höheren Ebenen ist da nichts zu spüren.

Musikalisch entrollt sich das Stück wie auf einer Bühne mit dramatischem Auftritt und Theaterdonner zum Schluß. Der musikalische Kommentar ist ein Blick von hinter der Bühne auf den Betrachter.

Texte zu HOTI CHRONOS

O tempo, o ciel volubil…
(Francesco Petrarca; aus „Canzionere”, Nr. 355)

(Das hinfurt keine zeit mehr sein sol)
hoti chronos ouketi estai
quia tempus amplius non erit

(Kapitel 10, Die Offenbarung des St.Johannis)

Zeit / tsayt / sait / tsaht / tsat / zeid / zick / züht / tijd / ziht / tid / tsyht / zieht / tsait / tseut / zaht / tide / zit
(Volker Blumenthaler-Wortspiel)

...wie Wolken um die Zeiten legt
(Friedrich Hölderlin: Fragment Nr.92)

…fools of time…
(William Shakespeare, aus „Sonnet 124”)

O, suprême Clairon plein des strideurs étranges,
Silences traversés des Mondes et des Anges.
(Arthur Rimbaud, aus „Voyelles“)

Wenn ich je stille Himmel über mir ausspannte
und mit eigenen Flügeln in eigene Himmel flog.
Wenn ich spielend in tiefe Licht-Fernen schwamm –
Oh, wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem hochzeitlichen Ring…der Wiederkunft!
(Friedrich Nietzsche, aus „Also sprach Zarathustra: Die sieben Siegel“)

Out - out are the lights - all out!
And, over each quivering form,
The curtain, a funeral pall,
Comes down with the rush of a storm,
While the angels, all pallid and wan,
Uprising, unveiling, affirm,
That the play is the tragedy, “MAN”,
And its hero, the Conqueror Worm.
(Edgar Allan Poe, aus “ The Conqueror Worm”)

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